Deborah Bürgel - Plastik als Handlungsform

Montag, 22. Januar 2018, 15 Uhr

Medienwerkstatt, B 50

 

Der fünfteilige Filmzyklus The Cremaster Cycle (1994–2002) des US-amerikanischen Künstlers Matthew Barney erzählt einen Schöpfungsmythos, der den Körper und seine physiologischen Prozesse als Metaphern für skulpturale Transformation verwendet. Barney nutzt den Körper als formale Struktur, als Versuchsfeld plastischen Gestaltens, um in einer Analogie von Biologie und Kunst genau diese Formgebung zu thematisieren. Über die Jahre seiner Entstehung und Präsentation ist The Cremaster Cycle zu einem mehrdimensionalen und in vielfacher Hinsicht hybriden multimedialen Werk geronnen: Die fünf Cremaster-Filme mit einer Gesamtdauer von knapp sieben Stunden zitieren und kreuzen verschiedene Filmgenres und Fernsehformate, sie können als vermischende Verbindung aus Performance und Videokunst bezeichnet werden, da sie immer auch auf einer Inszenierung des Körpers des Künstlers basieren.

Der Vortrag wird den Zyklus exemplarisch im Vergleich mit ausgewählten künstlerischen Positionen des 20. Jahrhunderts betrachten, auf die sich Barney indirekt oder direkt bezieht: Marcel Duchamp, Bruce Nauman, Richard Serra und Joseph Beuys – Künstler, die in ihren plastischen Arbeiten die Bedingungen und Möglichkeiten der Skulptur – teils am eigenen Körper – erforscht und damit letztendlich die des künstlerischen Schaffens erweitert haben. Diese Formen des plastischen oder skulpturalen Arbeitens stehen im Zusammenhang der Erweiterung des Skulpturbegriffs, dessen Komplexität in der von Manfred Schneckenburger geprägten Bezeichnung der „Plastik als Handlungsform“ aufscheint.

Zu fragen ist, inwiefern Matthew Barney – als typische Figur der Kunst der 1990er Jahre, für die es selbstverständlich noch keine einvernehmliche Bewertung geben kann – mit The Cremaster Cycle am Ende des 20. und im beginnenden 21. Jahrhundert den Begriff von Skulptur erweitert. Löst er die Statik der Skulptur und ihre durch die räumlichen Dimensionen bedingten Grenzen in seiner audiovisuellen Kunst in Dynamik auf?

 

Deborah Bürgel hat ihr Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik 2015 mit einer Promotion über Fiktive Künstler und Marcel Duchamps Erfindung Rrose Sélavy an der Universität zu Köln abgeschlossen. Seit August 2016 absolviert sie ein Volontariat am Duchamp-Forschungszentrum sowie am Kupferstichkabinett des Staatlichen Museums Schwerin.


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